SCHREIHAUS, Startgalerie MUSA, Vienna, 2009

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Innenseite, Kipphaus 150

photos: Petra Schweifer

Einnieseln lassen

Ein schönes Zitat über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft besagt, dass Kunst so etwas sei wie eine Akupunktur der Gesellschaft. Mit verhältnismäßig geringem Aufwand lässt sich, so der Stich gut gesetzt ist, große Wirkung erzielen. Die Kunst ist dabei sowohl Akteur der Gesellschaft als auch das Andere. Ohne den Blick fremd zu machen, sich außerhalb des Bestehenden zu stellen, könnte Neues gar nicht entstehen.

Gerd Gigerenzer ist ein bekannter Psychologe, der sich wie alle Psychologen dafür interessiert, wie Menschen sich durchs Leben schlagen. Er sagt, dass wir uns in der Welt hauptsächlich über individuell und evolutionär gewonnene Erfahrungswerte orientieren, so genannte Faustregeln. Die Faustregeln bieten im Ozean des Möglichen bessere Orientierung als das immer unzureichende Wissen. Faustregeln bieten praktische und grundsätzliche Orientierungshilfen. Aus ihnen gewinnen wir Ordnungssysteme, die Erwartbarkeiten in einer chaotischen und unfassbaren Wirklichkeit ermöglichen, und damit Sicherheit und Planbarkeit.
Ein reizvolles Feld der bildenden Kunst ist nun, diese Ordnungsstrukturen, die wir fälschlicherweise schon als die Wirklichkeit nehmen, sichtbar zu machen, zu hinterfragen, zu konterkarieren. Die Auseinandersetzung mit den Fragen der Wahrnehmung, die Frage „Was ist wirklich?“, prägt die bildende Kunst des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts. Durch das Infragestellen der Kunst wird Bewegung möglich, neue Räume des Denkbaren können sich öffnen.

Bei Petra Schweifer ist es der Bildbegriff, den sie ständiger Befragung unterzieht. Sind die Landschaften von Petra Schweifer eigentlich abstrakt oder nicht? Sind es Landschaften, die sie malt, oder sind es Malereien, die nur wie Landschaften aussehen? So sicher ist man sich auf den ersten Blick nicht. Und der zweite Blick hilft auch nicht weiter.
Der Wechsel zwischen Bildillusion und Strukturen des Farbauftrags macht Petra Schweifers Arbeiten so reizvoll. Fast spielerisch stört sie Wahrnehmungsgewohnheiten. In der Freude des Wiedererkennens sehen wir Bäume, Seen, Schluchten. Das Auge wandert eine „Straße“ entlang – um sogleich abrupt abgebremst zu werden. Überall sind Flecken, Tupfer, Rinnspuren, die die gefällige Illusion stören. Der Pinsel, die Farbe, sie machen, was sie wollen. Sie stehen unseren Erwartungen und Vorstellungen leider nicht zu Diensten. Sie wandern über das Papier, wie es sich gerade ergibt. Die tropfnasse Farbe nieselt über die Bildfläche und bahnt sich ihre Wege. Der Betrachter aber muss die seinen erst suchen.
Manchmal sind Häuser die Anhaltspunkte. Sie stehen mitten in diesen Farblandschaften. Mit ihren Fenstergesichtern starren sie in die Gegend. Zuweilen haben sie Beine und scheinen unterwegs zu sein. Oder sie nieseln tropfenweise in die Landschaft hinein.
„In der Kunst zählt das schnelle Geld“, befürchtet der Hamburger Medientheoretiker Michael Lingner. Was ist von einem System zu halten, fragt er, in dem kreative Menschen ihre professionelle Freiheit nur bewahren können, indem sie ihre wirtschaftliche Existenz riskieren? Petra Schweifer betreibt diesen immer wieder notwendigen Rückzug unspektakulär, mit feiner Subversivität, aufs erste beinahe unsichtbar. Das ist zuerst einmal der Bildzuschnitt, der sich widerborstig zur Marktlogik verhält. Petra Schweifers Bilder sind viereckig wie die meisten Bilder, aber sie haben nicht viermal 90 Grad-Winkel in ihren Ecken. Der, der diese Bilder rahmen oder in Reih und Glied aufhängen will, sieht sich vor ungeahnte Schwierigkeiten gestellt. Durch feine Abweichungen in den Achsen horizontal und vertikal kommen die Papiere in Bewegung, im Rahmen, auf der Wand.
Formen verlaufen, Erwartungen werden unterlaufen, das ist Petra Schweifers Strategie. Über die Bildtitel scheint die Künstlerin Anhaltspunkte zu geben – Meer, Baum, Schlund, Nacktbaden und so weiter, Anspielung an Strukturen der Natur, an Erfahrungen in der Natur. Aber alle Erwartungen werden stets gestoppt, unterlaufen. Gerade wenn der Betrachter meint, rein abstrakte Formationen vor sich zu haben, dann haben die Bilder recht anschauliche Titel, die den Betrachter erst wieder auf die Suche schicken. Und immer werden wir auf das zurückgeführt, was das Bild eigentlich ist – Papier, Farbe, Linie. Gewohnt, sich in der Welt routiniert zu bewegen, tappen wir in alle aufgestellten Fallen. Dabei geben wir uns gerne dem Genuss dieses Wechselspiels von Form und Inhalt hin und haben damit die Möglichkeit uns selbst beim Wahrnehmen zu beobachten.
„Gegend schauen“ – so lautete ein Bericht aus Island aus dem zweimonatigen Island-Stipendium des Landes Steiermark, mit dem Petra Schweifer ausgezeichnet wurde. Eine „zischende und dampfende Teufelsküche“ gibt es in Island. Hier herrscht wohl die Dauerwetterlage des Einnieselns. Es muss eine Wahlverwandtschaft bestehen zwischen den Vulkanen, Schluchten, Klippen, Lavawüsten, Wiesen, Gletschern, Nebelschwaden und heißen Quellen Islands und den monumentalen Landschaften von Petra Schweifer. Vielleicht ist es die geologisch junge, aktive Natur, deren Werden unmittelbar sichtbar ist?
Faszinierend und unberechenbar beschreibt Petra Schweifer diese Landschaften – ihre Bilder sind es nicht minder. Entstehen lassen als Prinzip der Gestaltung. Bis eine Landschaft herausnieselt. Petra Schweifers Bilder sind wie ein geronnener Moment im Fluss der Zeit, ein kleines Innehalten innerhalb wallender Farben und Formen, die sich in wunderbaren Formationen immer wieder neu arrangieren. Deutlich sichtbar wird, dass alles was Sinn ist von uns hineingelesen wird – in die Bilder, in das Leben.

 Astrid Kury, 2009

(Text zur Ausstellung Schreihaus)