UND JETZT TANZEN, on painting_sechs, pinacoteca, Vienna, 2014

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photo above: Petra Schweifer

Für Petra Schweifer und Stefan Glettler ist das Malen ein Vorgang, der Sorgfalt wie Ausgiebigkeit gleichermaßen erfordert. Er beginnt damit, dass die Augen aufsammeln und Eindrücke sich anhäufen dürfen. Ob Anziehendes oder Widerspenstiges, Zartes oder Ekliges, Verständliches oder Diffuses – aufgehoben wird all dies im Gedächtnis, im Traum, in der Zeichnung. Diese Ansammlung von Welt muss nun wortwörtlich verarbeitet, muss mit den Mitteln der Malerei untersucht, gedreht, gewendet, ausformuliert, zerlegt, kondensiert, herangezoomt oder ausgestülpt werden. Der intensive Malprozess fordert das Aufbrauchen des Materials, er drängt auf Formgebungen und gerät doch manchmal zaghaft.

Malerei auf Papier kommt für gewöhnlich eher leise daher, gibt sich gern puristisch oder preziös. Petra Schweifers Bilder hingegen präsentieren großformatige Strukturen und Formen, die dem Auge nicht sofort bekömmlich sind. Da lagern Haufen von ungeschlachtem biomorphem Irgendwas, da weisen rote Stacheln in alle vier Himmelsrichtungen, massive Farbbäche strömen der Gravitation folgend erdwärts, ohne harmlose Naturassoziationen zu ermöglichen. Farbe darf auslaufen, ihre flüssige Herkunft eigensinnig behaupten, ohne in gefällig-geordnete Flächen gesperrt zu werden. Wo geometrische Formen erkennbar werden, wirken sie auf seltsame Weise mitgenommen und gebraucht. Das verbindet sie wiederum mit den dreidimensionalen Arbeiten von Stefan Glettler, die man Skulpturen nennen kann und die doch aus dem Geist der Malerei entstehen. Es sind Gebilde aus Farbe und Form, die fremdartig und zugleich vertraut wirken. Sie sehen nicht aus, als habe jemand sie neu hergestellt, sondern eher so, als führten sie schon lange ein Eigenleben und seien bloß jetzt erst entdeckt und – mit Gewalt? – in den Ausstellungsraum gebracht worden. Aufgrund ihrer spezifischen Materialität machen sie oft einen robusten, geradezu witterungsbeständigen Eindruck, der allerdings ins Wanken gerät, wenn man die filigranen Formen zu lesen beginnt. Sind da nicht Äste, Ohren, Flügel?

Filigranes und Brachiales, Grobes und Feines, Zärtliches und Grausames kann manchmal so nah beieinander liegen, dass es sich kaum noch voneinander unterscheiden lässt. Wie wenn ein Jägerzaun drei Tulpen schützt. Wie wenn die liebe Oma kräftig rülpst. Wie wenn ein kleiner Vogel einen fetten Wurm aufspießt. Wie wenn Lou Reed singt. Wie wenn die Fleischer Häubchen tragen. Wie wenn eine große Pranke mit feinen Füßen tanzt.

Clara Wörsdörfer und Christoph Wirges, 2014