DAS MEER IST HEUTE AUF DER RECHTEN SEITE, Werkstatt Strunkgasse, Mainz, 2010

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photos: Petra Schweifer

Kehr heim, ruft mich von fern der herbstfarbene Wald. Heim in dein Haus. Heim, wo du lebtest. Mit meinen Blättern, meinem Holz, meinem Leib hast du es gebaut. Ich gab dir Schutz. Kehr endlich heim.
Niemand fand dich hier.
Ich werde aufbrechen. Erde im Gesicht, ein Kleid aus Moos und Schilf, werde ich meinen alten Spuren folgen, dorthin, wo keine Menschen mehr sind und wo ich Kind war, unbeschwert und voller Abenteuer.
Nichts hält mich auf.

Nachts verlasse ich die Wohnung durch das niedrigste Fenster, es regnet, das Wasser durchmischt mit Schlamm steigt in meine Stiefel, wo der Weg aufhört, gehe ich rechts vorbei an der Eiche den schmalen Pfad zwischen den Bäumen hinauf, bald habe ich es ruhig. Mein Haus, mein kleines Kinderhaus, wird mich aufnehmen, in tausend Decken gehüllt werde ich liegen und schlafen, ich allein das einsame, traurige, tapferste Schwesterchen, die Rehe im Wald meine Brüder, die Brunnen, Bäche, Pfützen, allesamt verzaubert, ich bin es, die den Zauber bricht, wie einst.

Willkommen im Wald, sagt ein Baum. Dich kenne ich, spricht der Farn. Der Wind zischt durch die Äste, weht mir den Regen ins Gesicht, wen haben wir denn da. Na ob dein Haus noch steht?
Natürlich steht es, wer soll es denn zum Fallen gebracht haben – also das ist nicht schwer bei einem Haus auf Stelzen, zischt der Wind. Geh nur weiter, du!
Ich gehe, ich bleibe im Schlamm stecken und verliere einen Stiefel, den anderen werfe ich weg, am ganzen Körper bin ich nass, das Haus, ich werde mich schon nicht verlaufen, ich habe mich noch nie verlaufen, dort, dort über die große Pfütze, über die Pfütze muss ich springen, drei Würmer essen, auf dem morschen Holzbalken balancieren, dann ist da mein Haus. Ich springe und springe nicht weit genug, versinke, bis zu den Knien reicht mir das faulige Wasser, ich mache einen Schritt, rutsche aus, sitze mitten in der Pfütze im Schlamm und schließe die Augen.

Mein Haus, mein Haus, das ich einst baute, vielleicht ist es direkt vor mir verborgen von einer Nebelwand, vielleicht hat ein Jäger, ein böser Jäger es zum Einsturz gebracht mit gefällten, toten Bäumen – erst jetzt, mit nassem schlammigem Körper, weiß ich wieder, wie ich fror, allein, zusammengekauert an der Wand, der einzigen Wand meines Hauses, und ich weiß von meiner Angst, meiner Angst vor dem riesigen Wald.

 Gianna Zocco, 2009